Erinnerung an den Tsunami
Es ist 6 Uhr 10. Gerade bin ich aufgewacht und fand, dass es schon ungewöhnlich hell draußen war. Der erste Blick aus dem Fenster war ein Schock. Alles war weiß. Um es genau zu sagen – wir hatten über Nacht mindestens 20 Zentimeter Neuschnee bekommen. Die Sonne schien und es sah aus wie im Winterwonderland. Eigentlich idyllisch, aber im März sollte doch eigentlich der Frühling beginnen. Der letzte Winter dauerte doch schon so lange. Wie warm es jetzt wohl in Sri Lanka sein mochte? Dort sind es bestimmt angenehme 25 Grad. In Matara ist es jetzt schon fast Mittag und alle fiebern sicher ihrem Feierabend entgegen. Kaum zu glauben, dass dort in meiner Heimat jetzt wieder normaler Alltag herrscht. Gerade hatten wir den fünften Jahrestag des Tsunamis vom 26.12.2004. Unfassbar, was damals geschah. Im Kopf habe ich die Bilder noch vor mir, als wäre es gestern gewesen. Diese Stunde Null an Weihnachen 2004 sollte der bisher schlimmste Tag meines Lebens sein.
Jetzt bin ich schon seit 1990 in Deutschland und diese zwanzig Jahre waren nicht immer einfach. Es war geradezu wie eine turbulente Achterbahnfahrt. Ich machte die unterschiedlichsten Erfahrungen – viele positive, aber auch etliche negative oder schmerzvolle. Das bitterste Ereignis meines Lebens war aber ohne Zweifel die Ankunft in meiner Heimat Sri Lanka am 27.12.2004.
Nach der Schocknachricht am 26.12. beschloss ich damals spontan, in meine Heimat zu fliegen. In Deutschland zum Alltag überzugehen und abzuwarten, wie die Hilfsorganisationen der Welt irgend etwas unternehmen, das kam für mich nicht in Frage.
Ich musste selbst dorthin, denn ich kannte mich dort doch bestens aus, spreche die Sprache und hatte Verbindungen zu den verschiedensten Stellen. Passiv zuhause wäre ich verrückt geworden. Aktiv zu werden war für mich die einzige Möglichkeit, den Schock, den der grausame Tsunami uns allen versetzt hatte, zu überwinden.
Hier in Europa hatte kaum jemand schon mal das Wort Tsunami gehört. Was sollte das sein? Eine Flut? Aber ich wusste, was eine Riesenwasserwelle für eine Insel bedeutet – eine Katastrophe. Wie stark das Unterwasserseebeben im Indischen Ozean gewesen war, konnte am ersten Tag noch niemand sagen. Nachrichten kamen so gut wie keine durch. Da am 26.12. kein Telefonkontakt nach Sri Lanka möglich gewesen war, konnte ich mich erst zwei Tage später selbst davon überzeugen, dass meine Eltern und Verwandten glücklicherweise alle wohlauf waren. Was war das für ein Gefühl der Erleichterung!! Erst viel später wurde die Zahl der Toten in meiner Heimat offiziell auf 45.000 festgelegt, davon alleine 3.500 in meinem Geburtsort Matara ganz im Süden der Insel. Das Land war im Schockzustand. Die Verwüstung durch die Riesenwelle war so groß, dass fast kein Durchkommen war. Überall lagen Schlamm, Reste von Häusern und Booten herum und vor allem Leichen. Ich habe noch nie so viele Tote auf einmal gesehen. Es war grauenvoll. Männer, Frauen, Kinder, Farbige, Weiße, alte, junge. Wir waren wie gelähmt. Niemand hatte so viele Tränen, wie er Freunde zu beweinen hatte. Gerade vor drei Tagen hatte ich mit dem und dem noch telefoniert und jetzt waren sie nicht mehr da. Entsetzlich. Mehr als 500 der Vermissten wurden nie gefunden. Der Ozean hat sie einfach verschluckt.
Was konnte ich in dieser katastrophalen Situation bloß Sinnvolles tun? Ich beriet mich also mit meinem Vater und wir beschlossen, mit seinen Beziehungen zur Regierung beim Wiederaufbau von Matara zu helfen. Ein paar Tage später erhielt ich aus meiner neuen Heimat Halver einen sensationellen Anruf. Sehr gute Freunde hatten beschlossen, einen Verein zu gründen und Hilfsgelder und -gütern hierher nach Matara zu schicken. Ich war überglücklich in dieser traurigen Situation. Ich hatte wirklich Freunde in Deutschland!
Unter schwierigen Umständen wurden später von den Spendengeldern eine Schule und zahlreiche kleine Häuser für Familien mit Halbwaisen gebaut. Die Aufgabe, das alles zu organisieren, gab mir Kraft, die Ereignisse zu verarbeiten. Im Angesicht der Katastrophe hatte ich mich gefragt: Wofür lebt man eigentlich? Im Elend ist doch jeder gleich, ob arm oder reich. Und wie schnell vergänglich alles Hab und Gut ist, wurde mir damals so richtig deutlich. Seitdem bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich lebe viel bewusster mit meiner Familie, schätze andere Werte wie Frieden, Freiheit und Gesundheit.
Ich bin stolz darauf, damals geholfen zu haben und vor allem so viel selbstlose Hilfe aus Deutschland gespürt zu haben. Obwohl Sri Lanka für Deutsche tausende von Kilometern entfernt ist, waren sie die ersten, die vor Ort geholfen haben. Sie handelten mit der Überzeugung, dass Menschen in Not nur von Menschen geholfen werden kann.
Mahesh Hewakandamby, 06.03.2010
Tags: 26.12.2004, Gedanken, Mahesh Hewakandamby, Matara, Sri Lanka, Tsunami, Winter


